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TT-Zentrum München  

Spagat zwischen Leistungssport und Schule

Report über das Leben der Internatsschüler am Leistungszentrum in München / Konkrete Pläne für Halle auf dem Tisch / Kommentar BTTV-Präsident

Sebastian Hegenberger, Nico Longhino und Max Keller vor dem "Haus der Athleten" (alle Fotos: Florian Leidheiser)

Dieser Beitrag ist am 12. November im Magazin des Bayerischen  Landessportverbandes, "Bayernsport", und im Regionalteil des Magazins "tischtennis" erschienen.

Junge Tischtennisspieler und Talente aus anderen Sportarten wohnen im „Haus der Athleten“ in München, um Schule und Hochleistungssport unter einen Hut zu bekommen. Viele von ihnen träumen von Olympia.

Es war zwar nur eine Trainingseinheit, die am 13. September 2016 in München-Milbertshofen stattfand, rückblickend war diese aber ein Meilenstein für das bayerische Tischtennis. An jenem Dienstag absolvierte eine dreiköpfige Nachwuchs-Gruppe das erste Training am neu gegründeten Leistungszentrum (LZ) München. Mittlerweile ist die Gruppe am Tischtennis-Bundesstützpunkt auf elf Jugendliche angewachsen und ebenso stieg die Zahl der Medaillen, die bayerische LZ-Mitglieder bei Europameisterschaften, Deutschen Meisterschaften oder anderen nationalen Topturnieren gewannen.

Ein Talent der ersten Stunde ist Daniel Rinderer. 2016 verließ der damals 14-Jährige seine niederbayerische Heimat Ruhmannsfelden, seine Eltern, seine Geschwister und Freunde, um in der Landeshauptstadt den nächsten Schritt zu machen. Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt auf eigenen Füßen. Der Traum von einer Olympiateilnahme treibt ihn an. Er bezieht ein Zimmer im „Haus der Athleten“ (HdA) des Olympiastützpunktes Bayern (OSP). Das HdA ist ein Internat für junge Nachwuchssportler, liegt in der Nähe zu Trainingsstätten des OSP, zu den Verbundschulen und Ausbildungsbetrieben. In München kann Rinderer nun unter den Verbandstrainern Manuel Hoffmann und Krisztina Toth – frühere ungarische Nationalspielerin und siebenfache Europameisterin – mehr und intensiver trainieren, hat bessere Sparringspartner. Einheiten vor der Schule sind jetzt möglich – in einer trainingsintensiven Sportart wie Tischtennis ist das unerlässlich, um nach vorne zu kommen. Es ist ein ständiger Spagat zwischen Schule und Hochleistungssport, zwischen Lernen und Training/Turnieren.

Rinderer dachte daran hinzuschmeißen

„Ich habe mich in München gut eingelebt“, sagt Rinderer heute. Die Anfangszeit sei sehr schwer gewesen, ein ums andere Mal wollte er hinschmeißen. „Persönlich war das sehr hart, ich kannte fast niemanden, hatte keine Freunde und Probleme in der Schule.“ Der Drittliga-Spieler des FC Bayern München – heute 17 Jahre jung – gab nicht auf. Inzwischen ist der Niederbayer, der von der Bayerischen Sportstiftung gefördert wird, zu einem halben Münchner geworden, wie er sagt, hat viele Freunde gefunden, in der Schule läuft es besser. Das Gymnasium München Nord, eine „Eliteschule des Sports“, das noch sechs weitere Kaderspieler des Bayerischen Tischtennis-Verbandes (BTTV) besuchen, nimmt Rücksicht auf seine sportliche Laufbahn, die Lehrkräfte bringen viel Verständnis auf. Der Schulstoff kann nachgeholt werden, wenn mal wieder ein Lehrgang des Deutschen Tischtennis-Bundes oder eine mehrtägige Turnier-Reise in Europa oder auf einen anderen Kontinent ansteht. Der BTTV kümmert sich um die sportliche Entwicklung, unterstützt bei Schul-Angelegenheiten oder auch bei der Vermittlung von Praktika.

Toth: "Ich bin Daniel extrem dankbar"

„Ich bin Daniel extrem dankbar, dass er damals den Schritt gemacht hat, er war komplett allein und hat sich durchgebissen“, sagt Verbandstrainerin Krisztina Toth. Sportlich hat Rinderer der Wechsel nach München geholfen, wenig später wurde er Deutscher Meister im Doppel, gewann im Mixed seine erste EM-Medaille. In diesem Jahr gab es EM-Bronze mit der deutschen Mannschaft. „Daniels Entwicklung haben dann auch die anderen Jungs in Bayern mitbekommen“, erzählt Toth. Im Jahr darauf wechselten vier weitere Nachwuchsasse in das LZ München – und noch mal vier zu diesem Schuljahr. Neun Tischtennis-Talente, darunter drei Bundeskader-Athleten, wohnen aktuell im HdA.

Mit 14 von Familie und Freunde weg

Einer von ihnen ist Max Keller, vor drei Monaten verließ der 14-Jährige seine Heimat Lautertal bei Coburg, um sich in München weiterzuentwickeln. Keller sitzt gerade an seinen Hausaufgaben, gleich geht es zum nächsten Training. Am Morgen hat er bereits vor der Schule eine anderthalbstündige Einheit hinter sich gebracht. Seine Familie sieht er meist nur noch am Wochenende, wenn er mal frei oder bei seinem Verein TSV Bad Königshofen ein Punktspiel hat. „Es läuft gut hier, man gewöhnt sich an die Abläufe. Mir ist es schwergefallen, gerade in der Schule alles selbstständig zu machen, weil man niemanden kennt. Aber die anderen Jungs, die schon länger da sind, helfen mir, wo es nur geht“, sagt der 14-Jährige. Nicht selten sitzt die ganze Gruppe abends nach dem Training beim Essen im Speisesaal des HdA zusammen. Auch der Austausch mit den anderen Sportlern sei gut. Daniel Rinderer: „Es sind Volleyballer, Judoka, Schwimmer, Leichtathleten da, wir sind eine coole Gruppe.“ Die Schüler wohnen in Einzel- oder Doppelzimmern, mit Küchenzeile und Einzelbett. Dass es allesamt Sportler sind, sieht man auf den ersten Blick. Sauber aufgereiht liegen die Trikots von Nico Longhino (FC Bayern München) im Schrank, mindestens 20 Stück. Am Wäscheständer auf dem kleinen Balkon seines Einzelzimmers hängen noch mal zehn. Nico Longhino sitzt auf dem Bett und spielt auf der Konsole –  eine kurze Pause zwischen Schule und dem nächsten Training.

Konkrete Pläne für eigene Halle

Der BTTV ist aktuell auf Kooperationen mit umliegenden Vereinen angewiesen, sodass Fahrten von bis zu einer Stunde einfache Strecke anfallen. Einen eigenen Hallenstandort für den Bundesstützpunkt Tischtennis gibt es nicht. Der BTTV arbeitet seit vier Jahren daraufhin und hat einen konkreten Plan. Zusammen mit dem Münchner Sportclub (MSC) soll auf deren Gelände eine neue Halle entstehen – auch für den Vereins- und Schulsport. Der Ball liegt derzeit bei der Stadt München, die Zeit wird knapp. „Wir brauchen die Halle dringender denn je“, betont Krisztina Toth, die bis zu viermal am Vormittag und fünfmal nachmittags zum Training bittet. Mit aktuell elf Spielern stößt man an die Kapazitätsgrenze, auch was das Fahren zu den Partner-Vereinen angeht, bei denen das Training momentan stattfindet. Auch personell muss durch den Zuwachs am LZ aufgestockt werden. Eine weitere Trainerstelle soll bald besetzt werden. Mit dieser und einer eigenen Halle könnte es weiter aufwärts gehen und die Olympia-Teilnahme eines Tischtennis-Spielers aus Bayern mittelfristig Realität werden.

Mehr Informationen zum TT-Zentrum: www.bttv.de/spenden

Info: Erfolgreicher Leistungssport im BTTV

Der BTTV erlebt gerade eine seiner erfolgreichsten Zeiten im Nachwuchs-Leistungssport überhaupt. Sieben von 18 deutschen Startern bei den diesjährigen Jugend-Europameisterschaften kamen aus dem Freistaat. Anfang November landeten beim wichtigen DTTB Top 48 Turnier in Gaimersheim acht bayerische Jungen unter den besten Zwölf. Elf Mitglieder umfasst das Leistungszentrum (LZ) in München, das den Status Bundesstützpunkt besitzt. Daniel Rinderer, Tom Schweiger (beide FC Bayern München) und Hannes Hörmann (TV Hilpoltstein) gehören dem Bundeskader an. Hinzu kommen die Landeskader-Athleten Sebastian Hegenberger, Matthias Danzer (beide TV Hilpoltstein), Nico Longhino (FC Bayern München), Lorenz Schäfer (TTC Kist), Petros Sampakidis (TuS Fürstenfeldbruck), Edgar Walter (SpVgg Thalkirchen), Max Keller (TSV Bad Königshofen) und Leo Ruffing (TSV Gräfelfing). Sie werden von den Verbandstrainern Krisztina Toth und Manuel Hoffmann trainiert und betreut. Dazu gehören auch Absprachen mit den Partnerschulen, Eltern, Ärzten, Physiotherapeuten, Vereinen sowie mit dem OSP und dem Deutschen Tischtennis-Bund. Der BTTV strebt eine eigene Halle im Münchner Norden an – mit Anbindung zur Eliteschule und dem Haus der Athleten. Die Halle soll dann auch für Vereins- und Schulsport sowie für andere Projekte genutzt werden.

Kommentar von BTTV-Präsident Konrad Grillmeyer: "Halle nötiger denn je"

"Viele Kinder und Jugendliche träumen von einer Sportler-Karriere. Der Weg dorthin ist steinig, Schule und Ausbildung mit dem Training und den Wettkämpfen in Einklang zu bringen kein leichtes Unterfangen. Im Bayerischen Tischtennis-Verband haben wir derzeit eine Reihe hoffnungsvoller Talente, die wir bei ihrem Weg begleiten und täglich unterstützen. Am Leistungszentrum in München, dem Bundesstützpunkt, trainieren aktuell elf Spieler. Die meisten von ihnen sind mit 14, 15 Jahren von Zuhause, ihren Eltern und Freunden weggezogen, leben nun im Internat und stehen komplett auf eigenen Beinen. Den Anfang machte vor drei Jahren Daniel Rinderer, der als Vorbild für andere gilt. Daniel hat nicht nur eine beachtliche sportliche Entwicklung genommen, sondern ist zu einer echten Persönlichkeit gereift. Genau das ist es, was wir mit dem Leistungszentrum, unseren Partnern, dem Olympiastützpunkt und den Schulen, erreichen möchten.

Was uns am Bundesstützpunkt München leider noch immer fehlt, ist eine eigene Halle. Die ist aber nötiger denn je, weil unser Leistungszentrum Jahr für Jahr einen Zuwachs an jungen Talenten erfährt, die Infrastruktur aber nicht ausreicht und wir auf Partnervereine angewiesen sind. Dies wiederum ist mit enormen logistischen Aufwand verbunden. Ein konkreter Plan eines Hallen-Neubaus zusammen mit dem Münchner Sportclub (MSC) auf dessen Gelände liegt nun auf dem Tisch. Jetzt ist die Politik am Zug. Wir hoffen, dass sie die Weichen stellen – für den Hochleistungs- aber auch für den Breitensport. Denn eine mögliche Halle soll vielseitig genutzt werden, nicht nur für die besten Talente, sondern auch für Schulen, für Vereine und für Projekte in der Inklusion und Integration"

Mitglieder und Trainer des LZ München
LZ-Neuling Max Keller vor seinem Zimmer, das er mit Lorenz Schäfer teilt
Max bei den Schularbeiten
Nico Longhino gewährte Einblicke in sein Zimmer
Nico in seinem Raum
Akurat im Schrank: die vielen Trikots
Pfandflaschen sammeln sich jede Menge an
Sportsocken werden täglich mehrfach benötigt
Der Verschleiß an Material ist groß
Nico beim Playstation-Zocken
Die gewaschenen Trikots trocknen auf dem Balkon
Sebastian Hegenberger mit Hegenberger-Trikot vor seinem Zimmer
"Sebbos" Küchenzeile mit Pokalen und chinesischer Nudelsuppe
Immer wichtiger für TT-Spieler: Kraft- und Athletik-Training
Vorreiter im LZ München: Daniel Rinderer
Daniel im Training
Max Keller in Aktion
Nico Longhino beim Aufschlag
Sebastian Hegenberger
Tom Schweiger

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